Anna Weiß

Anna (32) sieht Outdoorsport als ein Wundermittel mit riesigem Potenzial: Als Prävention oder zur Therapie von mentalen Beschwerden und Einsamkeit, als Mittel zur Steigerung von Selbstbewusstsein, als Werkzeug für gesellschaftlichen Wandel.
Um diese Mission mitzuteilen hat sie z.B. Bloomers Outdoors  und den European Women’s Outdoor Summit mitbegründet sowie mit der Sektion „Kurvenreich“ im world of mtb Magazin den ersten umfangreichen regelmäßigen Content in einem Mountainbike-Magazin, der explizit von Frauen für Frauen gestaltet wurde.

"Frauen und Outdoorsport" und die Frage, wie wir in Zukunft draußen unterwegs sein werden, sind ihre Themen.

Du wohnst nicht in München. Wo bist du daheim?

Ich bin keine Münchnerin, ja noch nicht einmal eine „Zugroaste“, sondern ein waschechtes Landei. Niederbayerin noch dazu! Ich wohne in Berg (ja wirklich!) auf einem einzelnen Hof oberhalb von Deggendorf am Fuße des Bayerischen Waldes mit viiiiel Platz außen rum. Von Berufs wegen bin ich viel unterwegs und habe viel mit Menschen zu tun.

Wenn ich dann heimkomme und mich Ruhe, mein rosenberankter Balkon und 4 Rehe, 3 Hasen, 1 Dachs, 1 Fuchs, 2 Waldkäuze und mein Podenco-Mischling Mojito erwarten, geht mir das Herz auf.

Was ist dein Lieblingsort in München und warum?

Ich weiß nicht mal, wie der Stadtteil heißt (shame on me!) aber im südlichen München an der Isar ist es toll. Und der Botanische Garten mit seinen historischen Gewächshäusern hat es mir angetan. Hm, als Auswärtige ist das schwierig zu sagen.

Ich kann aber meine LieblingsZEIT benennen: im Sommer, frühmorgens so gegen 5 Uhr mit dem Radl durch München cruisen, wenn die Stadt gerade erwacht und alles in dieses phantastische Morgenlicht getaucht ist – das ist großartig. Ein Relikt aus meiner Zeit bei Lufthansa, wenn ich dank Jetlag immer zu diesen unchristlichen Zeiten fremde Städte durchstreifte.

Wo trifft man dich auf keinen Fall?

Freiwillig beim Shoppen (außer in guten Buchläden)

Erzähle uns von deiner ersten Erinnerung an die Berge! Weißt du noch, wann du das allererste Mal in den Bergen warst und was du da gemacht hast?

Meine älteste Erinnerung an Berge sind wohl die Urlaube bei „Woid-Opa“ und „Woid-Oma“. Unsere Großeltern wohnten in einem kleinen Dorf im Bayerischen Wald. Ihr Haus war das letzte am Dorfrand, direkt dahinter lag der „Woid“.

Wobei der Wald eher ein steiler Hang in einer Fichtenplantage war. Das machte aber nichts, denn es gab alles, was ein Kinderherz nur begehren konnte: Farnwälder zum Versteckenspielen, den ein oder anderen Tierkadaver zum Sezieren, einen kleinen Bach zum „Wasser-Pritscheln“ und Schlamm-Kuchen-Backen und genügend herumliegende Äste um damit ein ganzes Dorf von Indianer-Tipis oder Baumhäusern zu bauen.

Was bedeuten die Berge für dich?

Sinne. Verbindung. Sein. Naturgewalt. Demut. Dankbarkeit. Struktur. Textur. Staunen. Freiheit. Kribbeln. Lebendigkeit. Ruhe. Kreativität.

Was machst du in den Bergen am liebsten und warum?

Ich kann gar nicht sagen, was ich am liebsten mache. Egal welche Jahreszeit und welches Wetter -

Hauptsache draussen!

Im Sommer mit dem Mountainbike oder wandernd und kraxelnd, neuerdings auch ein wenig beim Klettern am Fels.

Im Winter hat mich das Snowboard-Tourengehen voll angefixt.

Ich kann aber auch einfach dasitzen und schauen oder Steinmännchen bauen oder einen ganzen Tag am Ufer eines Bergbachs versandeln.

Wo ist dein Lieblingsspot in den Bergen?

Da gibt es soooo viele.

Landschaftlich: Immer da, wo möglichst wenige Menschen zu finden sind; wo es wilde Bergbäche und Gumpen zum Baden gibt. Und ich habe es gern schroff, rauh, granitig.

In der näheren Umgebung: Bergell (Graubünden), Val San Giacomo Val di Mello/ Val Masino (Lombardei), Val Grande (Piemont), Virgental (Osttirol).

Was ich zum Mountainbiken unter Freundinnen absolut empfehlen kann:

  • Graubünden (Schweiz): Weil man a) mit dem Mountainbike legal jeden noch so kleinen Pfad befahren darf (ausser, er ist explizit verboten) – das gibt schon ein super entspanntes Gefühl.Und weil b) die Infrastruktur mit Rhätischer Bahn, Postbus oder Postauto einfach genial ist und man dadurch tolle, ausgefallene Touren planen kann.
  • Wallis (Schweiz): Gewaltige Abfahrten aufgrund der großen Höhenunterschiede; und wer verstanden hat, dass das Wallis nicht nur aus Zermatt besteht kann auf genial abwechslungsreichen Wegen unterwegs sein, ohne groß irgendwelche Menschen zu treffen.
  • Slowenien: Die Bikebase Eco Hotel Koroš am Rande der Karawanken. Ein Kleinod, wie aus der Zeit gefallen. Auf dem weichen, ultralockeren Waldboden des Single Trail Parc Jamnica fährt es sich wie auf Eischnee! Wer Lust auf eine „otherworldly experience“ hat, geht 500 m unter der Erdoberfläche biken: Locals haben in mühsamer Handarbeit einen Trail in die Stollen eines ehemaligen Bergwerks gebaut. Auf der Rückfahrt bietet sich noch ein Abstecher zum Flow Country Trail Petzen an – der Trailbau-Guru Diddie Schneider hat dort mit 10 km den längsten Flowtrail Europas geschaffen.

Von wo hat man deiner Meinung nach die schönste Aussicht?

Poah. Total unterschiedlich. Ich glaube das Wichtigste ist die Fähigkeit, Schönheit überhaupt als solche erkennen zu können. Und dann bewusst stehen zu bleiben und das Handy auch mal weglegen zu können.

Was empfiehlst du Neulingen, die in die Berge gehen möchten?

  • Tus einfach
  • Fange klein an
  • Gönn dir genügend Zeit
  • Lerne Tourenplanung, Orientierung und Kartenlesen
  • Latsch nicht den ausgetretenen Pfaden hinterher sondern geh deine eigenen Touren
  • Bleib stehen und staune, was es links und rechts zu entdecken gibt

Was ist dein liebstes Berg-Foto zur Zeit und warum?

Das Bild, das ich zurzeit als Bildschirm-Hintergrund am Handy habe. Warum? Weil zwei meiner Lieblingswesen drauf sind. Weil ich so dermaßen verliebt in die weichen Formen bin, die der Schnee mitunter formt; Spannung und Harmonie gleichzeitig. Weil es mich an ein wunderbares Wochenende im Stroh erinnert.

Welche Tour muss man unbedingt gemacht haben und warum?

Ich mach hier jetzt mal ganz unverschämt Werbung für den Bayerischen Wald. Dahin kommt ihr Münchner nämlich in knapp 2 Stunden ganz bequem mit dem Zug.

Sommer:

von München aus

  • in Bikini oder Badehose
  • mit der Luftmatratze sowie
  • einer Brotzeit und Anti-Mücken-Mittel im wasserfesten Säckli im Gepäck

mit dem Zug in zwei Stunden nach Bayerisch Eisenstein direkt an der tschechischen Grenze fahren. Dort aussteigen und den Wegweisern zum Flußwanderweg am Regen (Fluß) folgen. Mit der Luftmatratze einsteigen und nach Regen (Stadt) paddeln.

Winter:

Falls es mal Schnee hat, ist eine Schachten-Winter-Wanderung am Falkenstein herrlich. (Schachten sind das Mittelgebirgs-Äquivalent zu Almen). Dazu mit der Waldbahn bis zur Haltestelle Ludwigstal fahren; da befindet sich das Nationalparkzentrum Falkenstein. Von dort aus nach Zwieslerwaldhaus und über den kleinen auf den großen Falkenstein. In der neuen Hütte mit Riesenpanoramafenster und Alpenblick mit Kuchen stärken und über den Ruckowitz-Schachten wieder hinabsteigen.

Was nimmst du immer mit in die Berge (in deinem Rucksack) und warum?

Eine Lampe. Weil ich gerne lang frühstücke und von daher spät losgehe und auch spät heimkomme. Das Taschenmesser, das mir mein Papa geschenkt hat. Eine Daunenjacke

Was war deine allzeit beste Anschaffung für die Berge und warum?

Von der „besten Anschaffung“ gibt’s gleich ein paar:

  • Die selbstgestrickte Woll-Mütze meiner Tante Petra
  • Meine unverwüstlichen all-year-round Norrøna Hosen
  • Meine 5/10 Freerider. Sie sind die einzigen Schuhe, in denen ich keine Blasen bekomme und ich trage sie immer und überall, beim Biken wie beim Wandern
  • Am Bike: Remote-Sattelstütze, Flat Pedals und Shimano XT-Bremsen
  • Im Winter außerdem meine Lawinenausrüstung
  • Und mein schrecklich hässlicher alter Deuter Transalp Rucksack: der ist einfach der alltagstauglichste, langlebigste und praktischste Rucksack, den ich kenne.

Was ist deine größte Herausforderung in den Bergen?

Hm, da fiele mir jetzt keine ein. Da fühle ich mich frei, zu tun und zu lassen, was ich will.

Hast du dir für 2020 etwas Besonderes vorgenommen?

Sportlich:

  • Mountainbike: in Spitzkehren ordentlich umsetzen
  • Snowboard-Touren: Wissen um Tourenplanung und Risiko-Management erweitern
  • Mehr klettern
  • Wieder mehr persönlich reisen, z.B. nach Armenien, Irak oder Flores

Beruflich:

Eine Schwerpunktverlagerung; meine Talente, Erfahrung und Kontakte weniger dem Mehr-Mehr-Mehr des Marketing zukommen zu lassen sondern mehr einem Weniger-Weniger-Weniger; das Thema Planung und Umsetzung von Strategien zur Förderung nachhaltiger Mobilität reizt mich sehr, vor allem die Fragestellungen rund um das menschliche Verhalten

Hast du eine Lebensweisheit, die dich immer begleitet?

Nein, nicht direkt. Vielleicht, dass mich bei all den großartigen Dingen, die ich erleben darf, eine große Dankbarkeit durchflutet. Und Weisheit? Eher Einsicht. Vor kurzem z.B. erst, dass Freiheit mir definitiv mehr wert ist als Sicherheit. Der Mensch braucht ja immer beides, die Frage lautet: worauf kann er eher verzichten?

Ich arbeite gerade das erste Mal in meinem Leben in einem Eight-to-Five-Job und obwohl mich das Thema sehr interessiert, finde ich es schrecklich, mir meine Zeit von jemand anderem einteilen zu lassen. Du kannst nicht raus, wenn das Wetter schön ist – da musst du arbeiten. Du kannst nicht raus, wenn dir danach ist, deine Freunde zu treffen – da musst du arbeiten. Du kannst nicht raus, wenn du dich nicht mehr konzentrieren kannst und eh völlig unproduktiv bist – denn es ist ja Arbeitszeit. Das ist an und für sich ja kein Problem – wenn man es für ein Projekt mal durchziehen muss. Aber selbst dann kann man sich die Workload noch selbst einteilen und muss nicht zu Zeit X an Ort Y sein. Die Vorstellung, dass Menschen, mein Umfeld, das open-end tun... wow.

Für mich ist es gerade unglaublich, wie viel Zeit allein für die Pendelei auf der Strecke bleibt, wie wenig Zeit für die Beziehung, soziale Kontakte oder die Ausübung von Sport bleibt. Alles konzentriert sich: Einkaufen auf abends - wenn alle gehen. Snowboard-Tourengehen aufs Wochenende – wenn alle gehen. Menschenansammlungen. Stau.

Für die meisten ist das wahrscheinlich völlig normal. Wenn man aus der Selbständigkeit kommt, die man doch relativ gut nach dem eigenen Lebensrhythmus gestalten kann, ist es krass. Für mich ist das eine sehr lehrreiche Erfahrung. Ich habe lange mit meiner Selbständigkeit gehadert und mir immer viele Sorgen gemacht – selbst wenn es gar nicht nötig war. Der Preis, den man bezahlt, wenn man mit dem Play-it-safe-Mantra im Ohr aufgewachsen ist.

Nun weiß ich die Benefits der Selbständigkeit viel eher zu schätzen und die Zukunftsängste relativieren sich. Es ist natürlich alles eine Frage der Prioritäten.

Aber für mich haben sich die gerade wieder an den richtigen Platz geschoben.

Ich bin übrigens dazu übergegangen, nicht mehr Arbeitszeit zu sagen, sondern Lebenszeit. Mit der geht man sehr viel bedachter und umsichtiger um.

Danke für das schöne Interview mit dir, Anna! 

Foto Credits: Hoshi K. Yoshida, David Schultheiß, Mirjam Milad, Andrea Gaspar Klein, Dieter Steiner,  Anki Luh, Gerhard Czerner, Florian Strigel

 

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