Skitouren gehen in Georgien | Powder, Genussabfahrten und Lawinen

Über die MMG-Facebook-Gruppe fanden sich sechs Bergfreundinnen zusammen, um zehn Tage in Georgien auf Skitour und Freeriden zu gehen. Helen stellt in Folge 1 ihres Reiseberichts die Mädels vor und erzählt von den Vorbereitungen auf die Reise.

Erste Abenteuer in Georgien

Der erste Tag in Mestia war etwas chaotisch, und wir konnten gleich eine volle Ladung georgischer Mentalität erleben. Zum einen schaffte unser Fahrer und sein Auto nicht die 10-minütige Fahrt ins örtliche Skigebiet Hatsvali – aber dazu an späterer Stelle mehr – und wir mussten noch ganze 3 km mit den Skiern den Forstweg entlang laufen. Zum anderen sollte es an dem Tag angeblich ein Nachtskifahren geben, nur dass uns keiner sagen konnte, wann das stattfinden würde und die Dame am Ticketschalter gar nichts davon wusste. Das Tourist Office war auch auf unbestimmte Zeit geschlossen, das Guide Office hatte eine falsche Adresse angegeben, und so rauften wir uns die Haare über das typische „nichts Genaues weiß man nicht“.

Abends debattierten wir dann mit unserem Fahrer darüber, ob wir nun die geplante Fahrt nach Ushguli, einem Bergdorf 50 km weiter, am übernächsten Tag antreten können würden. Da einige Lawinen auf die Straße heruntergegangen waren wusste wieder keiner, ob die Straße nun gesperrt war oder nicht, zusätzlich erklärte uns unser Fahrer für lebensmüde, dort überhaupt hinzuwollen.

An der Stelle waren wir uns nicht mehr sicher, ob die selbstorganisierte Reise wirklich so eine gute Idee gewesen war.

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Aber wie so oft, ergab sich auch diesbezüglich am nächsten Tag eine Lösung. Wir fuhren nach Tetnuldi, dem größeren Skigebiet an der Flanke eines 3.000ers und genossen die frischen Powderhänge nach dem großen Schneefall.

Georgische Skigebiete zeichnen sich aus durch recht moderne Lifte, Knoblauchgeruch und Techno in den „Skihütten“, die eher wie Speisesäle anmuten, 12 € Liftpässe und wenigen Skifahrern, die brav auf den Pisten bleiben, weswegen wir auch um 12 Uhr noch unverspurte Hänge finden konnten.

Über eine von Maias Connections trafen wir vor Ort den 21jährigen Zura, der die nächsten Tage als unser Guide und Fahrer nach Ushguli engagiert wurde, und sprachen anhand des Kartenmaterials einige Tourenoptionen durch. Danach hieß es „jetzt drehen wir noch eine kleine Runde“ und wir nahmen den Top Lift um dort einige Schritte über den Grat zu stapfen. Ich hatte von diesen Couloirs schon gelesen, allerdings irritierten uns die von der örtlichen Bergwacht aufgestellten "Lawinenlage 4"-Schilder schon ziemlich, als wir an der Wächte über dem unverspurten Hang standen. Alleine wären wir hier niemals als erste reingefahren. Doch Zura kannte den Hang inklusive jedem Stein und führte uns sicher die exponierte Bergflanke über weite Powderhänge hinab – ein Hochgefühl für uns alle!

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Lawinengefahr und -20 Grad

Die zehn Tage in Georgien waren für uns ein kleiner Intensivkurs in Sachen Lawinenkunde. Jede, die sich ein bisschen auskennt, weiß, dass 2 Meter Neuschnee mit Wind auf einer Altschneeschicht keine gute Sache sind, und dementsprechend handelte es sich vor Ort laut einem deutschen Bergführer um die „brenzligste Lawinenlage, die er je erlebt hatte“.

Schon in Tetnuldi beäugten wir ein „pregnant Couloir“ wie Zura es nannte – eine Rinne mit so viel Triebschnee, die nur darauf wartete, sich zu entladen.

Am nächsten Morgen waren es minus 37 Grad und Zura verschob unsere Abfahrt zweimal um eine halbe Stunde, da er das seinem Auto nicht antun wollte. Dann machten wir uns auf den verschneiten Weg nach Ushguli. Die Straße war gut geräumt und kein Problem, und so waren wir bereits um 10 Uhr in Ushguli. Zura begutachtete den Nordhang, wo er eigentlich die erste Tour geplant hatte und entschied, dass dieser ihm nicht koscher war. Und tatsächlich, am Abend im Guesthouse, wo neben uns noch fünf andere Gruppen waren, berichteten einige von Wumm-Geräuschen in diesen Hängen und die Gruppen mussten teilweise wieder umkehren. Selbst auf der Flanke des sicheren „Hausbergs“, für die wir uns dann entschieden, sackte die Schneedecke mehrfach ab und verbreitete ein mulmiges Gefühl. Am Hang links neben uns waren bereits fünf Schneebretter mit Selbstauslösung abgegangen und so entschieden wir uns, nach der Hälfte umzukehren und im Tal unten nochmal die Zeit mit einer LVS Übung zu vertreiben.

Am Abend erreichte uns die Nachricht, dass im Skigebiet Tetnuldi nämliches Couloir tatsächlich von zwei Skifahrern ausgelöst wurde und eine riesige Lawine sieben Leute verschüttete. Sechs konnten Gott sei Dank gleich gefunden werden, während hingegen einer ohne Pieps unterwegs gewesen war und erst am darauffolgenden Tag tot geborgen werden konnte. Angesichts der Tatsache, dass wir am Vortag noch ca. 50 Meter entfernt unsere Powder-Abfahrt genossen hatten, waren wir alle etwas geschockt.

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Ushguli ist ein bezauberndes Bergdorf unweit der Grenze zu Russland. UNESCO Weltkulturerbe und bestückt mit unzähligen Wehrtürmen sieht es aus wie eine mittelalterliche Kulisse.

Überall im Dorf – aber auch in der Stadt Mestia zuvor – laufen Kühe, Pferde, Schweine und Hunde wild herum und beschnupperten uns neugierig.

Die Locals kamen aus ihren Häusern heraus und boten uns Chacha, den georgischen Schnaps, an. Abends bogen sich die Tische unter den vielen Schüsseln und Schalen, gefüllt mit leckeren georgischen Salaten, Eintöpfen und Suppen. Nach dem Abendessen ging der Kampf um die besten Plätze rund um den Ofen los, und wir vertrieben uns die Zeit mit Kartenspielen, Fotos anschauen, und Stories posten. Auch im entlegensten Dorf in Georgien gibt es übrigens LTE, davon könnten wir uns in Bayern mal eine Scheibe abschneiden.

Die Guides tauschten sich aus über die Bedingungen und schmiedeten Pläne für den nächsten Tag.

Wir lernten andere Tourengänger aus Deutschland, Italien und England kennen, und wurden immer wieder dafür bewundert, dass wir unsere Reise selbst organisiert hatten, während fast alle anderen mit professionellen Reiseunternehmen vor Ort waren.

Unser Vorteil war jedoch, dass wir eine andere Einstellungen zu den Touren und der Reise insgesamt hatten. Wir sahen jeden Tag als ein kleines Abenteuer und waren dankbar und glücklich, überhaupt in diesem besonderen Land etwas zu erleben und uns als Gruppe so gut zu verstehen und gegenseitig zu unterstützen. Aufgrund der Lawinenlage war es uns, wie auch den anderen Gruppen, nicht möglich, alle Touren zu gehen, die wir uns vielleicht vorgenommen hätten. Aber im Gegensatz zu den Teilnehmern der organisierten Reisen hatten wir gar nicht diese Erwartungshaltung aufgebaut.

Weiter auf eigene Faust

Nach einer letzten Tour in Ushguli wurde das Wetter schlecht und wir fuhren zurück nach Mestia. Am nächsten Tag vertrieben wir uns die Zeit bei schlechter Sicht im kleinen Skigebiet Hatsvali. Wir standen gerade neben dem obersten Lift auf einer Lichtung, um in Richtung einer Waldabfahrt zu traversieren, als neben uns ein Heli landete und zweimal fünf Leute im Skigebiet absetzte.

Flory Kern, der Gründer und Organisator dieser Heliski Reisen, stieg aus und begrüßte uns mit den Worten „ah, ihr seid die sechs Mädels aus München“. Anscheinend hatte sich schon rumgesprochen, dass eine reine Mädelstruppe vor Ort war.

Auch am nächsten Tag machten wir uns alleine auf den Weg, eine Skitour auf einem unkritischen Weg von Mestia hinauf auf eine Hochebene. Just in time lichteten sich die Wolken und das Schneetreiben als wir oben waren und eröffneten den Blick auf eine unwirkliche Landschaft, gefolgt von feinsten Powderhängen. Als wir am Flughafen darüber sprachen, welches das schönste Erlebnis gewesen war, entschieden wir uns einstimmig für diesen Moment – nicht nur die einzigartige Stimmung dort oben, sondern auch dass wir alleine dort waren, nur wir sechs Mädels ohne Guide.

Und obwohl wir uns vor dieser Reise alle noch nicht kannten, hatte sich eine super Dynamik zwischen uns entwickelt. Bei jeder Entscheidung diskutierten wir ausführlich, jede wurde gehört und konnte Bedenken äußern, keine wurde ausgegrenzt, wir entschieden gemeinsam und hielten bei allem zusammen.

Jede übernahm einen Teil der Orga, wir schleppten uns gegenseitig Ski und Taschen, halfen einander aus Bäumen und Tiefschneelöchern, teilten Snacks und Medikamente.

Dass wir zusammenhielten wie Pech und Schwefel merkte auch unser Fahrer am nächsten Tag, mit dem wir uns anlegten, da er trotz nicht erbrachter Leistung den vollen Betrag bezahlt bekommen wollte. Nach einigen Diskussionen und wüsten Beschimpfungen auf Georgisch einigten wir uns zu guter Letzt und gingen getrennte Wege. Nächstes Mal wissen wir auf jeden Fall, dass es nicht selbstverständlich ist, dass ein Fahrer tatsächlich überall hinfahren kann, bei diesen Bedingungen Winterreifen besitzt und ein Auto, in das sieben Leute mit Gepäck tatsächlich reinpassen, auch wenn all das vorab so kommuniziert und gebucht wurde.

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Georgische Gastfreundschaft

Am letzten Tag krönten wir unsere Reise nochmals mit einer Tour mit Zura. Wir stiegen unter einem strahlend blauen Himmel im Schatten des mächtigen Ushba 1.200 Höhenmeter bis auf einen Kamm am Laila Pass und traversierten nach Norden in unverspurte Powderhänge. Die Abfahrt, die darauf folgte, kann nur als legendär bezeichnet werden. Auch hier waren wir wieder froh, einen Guide zu haben, da wir sonst nie über den Kamm und die darunterliegenden exponierten Südhänge gequert wären, und uns dann wie den anderen Gruppen, nur eine Abfahrt im schweren Sulzschnee geblieben wäre. Der darauffolgende „Weg“ durch den unverspurten, dichten und steilen Wald kostete uns die letzte Kraft.

Abends im Restaurant bestellten wir eine extra Portion Kubdari um unsere Reserven wieder aufzufüllen. Wir begossen den Abend und unseren Abschied mit mehr als nur einem Wodka Cola und mussten am nächsten Tag fast ein Tränchen verdrücken als wir uns von unserem Guide, dem wundervollen Land und voneinander verabschiedeten.

Klar ist auf jeden Fall, dass wir nächstes Jahr wieder kommen werden – wobei es schwer sein wird, diesen Trip zu toppen.

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