Tourenplanung | Tipps für Mehrtageswanderungen ohne böse Überraschungen

Hüttennächte sind besonders. 

Sie können romantische Vorstellungen von gemütlichen Abenden und magischen Sonnenaufgängen erfüllen, den Alltag komplett vergessen lassen und in kürzester Zeit leere Energieakkus auffüllen. Sie können aber auch kräftezehrend sein, schlaflos wegen einer Horde Schnarcher*innen im Lager und frustrierend bei Dauerregen und feuchten, miefenden Klamotten. 

Trotzdem lässt mich ein ganz bestimmtes Gefühl immer wieder den Rucksack packen und die Tour planen: Die Vorfreude darauf, besondere Tage mit besonderen Menschen zu verbringen und nichts anderes zu tun, als das, was getan werden muss.

Gehen, essen, trinken, vom Gehen ausruhen, Rucksack auspacken, essen, schlafen, Rucksack einpacken, weitergehen. Und dazwischen besondere Momente aufsaugen wie ein gutes Getränk und Geschichten für die Ewigkeit sammeln. 

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Entspannt auf Tour ist aber nur, wer sie so gut vorbereitet, dass unterwegs keine vermeidbaren Desaster passieren. 

Wenn du noch nicht ganz sicher bist, ob Mehrtagestouren mit Hüttenübernachtungen etwas für dich sind, hilft vielleicht ein Gedankenspiel:

Stell dir vor, du sitzt nach einer langen Tagestour im Auto, schiebst dich zusammen mit vielen anderen, die ebenfalls aus den Bergen nach Hause fahren, über die verstopfte Landstraße und siehst aus dem verdreckten Autofenster am Horizont die Sonne untergehen.

Stell dir auch vor: Du sitzt nach einer langen Tagestour auf der Terrasse einer Hütte, umgeben von einer Bergwelt, die sich langsam ins Dunkel zurückzieht. Du schaust auf das Gipfelpanorama, das in den herrlichsten Rottönen erstrahlt und siehst am Horizont die Sonne untergehen.

Und dann stell dir vor: Du bleibst einfach oben, legst dich nach einem Abendessen und ein, zwei Getränken in deinen Schlafsack, packst am nächsten Morgen die wenigen Dinge, die du dabei hast, in deinen Rucksack und gehst weiter durch die Berge. Ohne Anfahrt, ohne Parkplatz, ohne Zustieg, ohne dreckiges Autofenster.

Die Vorstellung gefällt dir? 

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Frage 1: Wo soll’s hingehen?

Wohin und wie weit möchtest du fahren? 

Auch in den Voralpen gibt es wunderbare Touren, die mit Hüttenübernachtungen gespickt werden können. Gibt es dorthin eine Verbindung mit der Bahn oder dem Bus?  Letzteres ist super bei Touren, die an einem anderen Ort enden, als sie beginnen. 

Wanderführer speziell für Mehrtagestouren (oft nach Gebieten gegliedert) bieten vorgefertigte, erprobte Wege und nicht selten spezielle Tipps und detaillierte Beschreibungen. Das sind dann aber auch eher die Touren, auf denen mehr los ist.

Übernachtungshütte finden

Im Kartenmaterial zum Beispiel des Alpenvereins (auf Papier oder digital) findest du die sich im Gebiet befindlichen Hütten. Entweder suchst du auf der Karte mögliche Wege und Übergänge heraus (in der Legende siehst du, ob der Hüttenzugang über einen Wirtschaftsweg oder zum Beispiel einen Trampelpfad erfolgt) oder du informierst dich beispielsweise auf der Internetpräsenz der Hütte, welche Zustiege empfohlen werden. Oft stehen dort auch die Übergänge also die Verbindungen zu anderen Hütten. 

Wie schwer darf’s sein?

Diverse Touren Communities im Internet stellen Touren inklusive GPS-Tracks und Einschätzung der Schwierigkeit zur Verfügung. Suche nach der Hütte deiner Wahl oder den angestrebten Gipfeln und in der Regel bekommst du mindestens eine Tourenbeschreibung dazu ausgespuckt.

Für den Anfang reichen Touren mit unter 1.000 Höhenmetern und unter vier Stunden Gehzeit pro Tag. Mehrtagestouren-Versierte können diese Zahlen beliebig nach oben steigern und wissen im Idealfall selbst, was sie sich zumuten können.

Achtung dabei: Auf einem Forstweg oder mäßig steil angelegten Pfad sind 1.000 Höhenmeter vielleicht schnell und leicht gegangen, in einem ungesicherten und nicht komplett markierten und ausgesetzten Steig brauchst du dafür um einiges länger. 

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Frage 2: Wann geht’s los?

Passt das Wetter?

Auch wenn in der Stadt schon Sandalenwetter ist – am Berg kann auch in geringeren Höhen noch meterdick Schnee liegen. Viele Hütten öffnen nicht vor Juni und oft ist auch dann noch Winterausrüstung erforderlich. Wenn du dir nicht sicher bist, wann der richtige Zeitpunkt ist, frag zum Beispiel in der MMG-Community nach Einschätzungen. Oft steht auch im Wanderführer ein empfehlenswerter Zeitraum. 

Gibt’s noch Übernachtungen?

Wichtig: Übernachtungen auf jeden Fall im Voraus reservieren - online im Reservierungssystem des DAV oder bei der Hütte selbst.  Die Infos dazu stehen in der Regel auf der jeweiligen Hütten-Webseite. Wegen Corona dürfen auch in diesem Sommer die Lager und Zimmer nicht voll belegt werden, wodurch die Plätze noch knapper sind als sonst. 

Mein Tipp: Im Hochsommer ist eher auf Hütten, die nicht an den Weitwander-Klassikern wie die dem E5 oder dem Stubaier oder Berliner Höhenweg liegen, noch eine Übernachtung zu kriegen.

Oder du wanderst in den letzten zwei bis drei Wochen, bevor die Hütten für den Sommer schließen. Da ist in den Bergen schon der Frühherbst eingekehrt und das Licht ist wunderschön. Allerdings können dich dann noch eher als im Sommer Tage mit Kälte und Schnee überraschen.  

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Frage 3: Was muss mit?

Die goldene Regel beim Packen ist: Je leichter der Rucksack ist, desto besser. Profis führen Listen, in denen das Gewicht einzelner Teile verzeichnet ist, um wirklich kein Gramm zu viel dabei zu haben. Dennoch gibt es Kleidungsstücke, die nicht zu Hause bleiben sollten. Vor allem in höheren Lagen kann das Wetter sehr schnell in Extreme umschlagen. 

  • Deswegen sollten Regenzeug oder Poncho auf jeden Fall in den Rucksack, der nach Auffassung vieler Menschen auf Mehrtageswanderung lieber kleiner (um die 35 Liter, je nach Körpergröße) sein sollte – denn wo kein Stauraum, da kein unnötiges Equipment. 
  • Grundsätzlich ist es sinnvoll, mit zwei kompletten Garnituren Kleidung – eine am Körper, eine im Rucksack – zu planen. Es gibt kaum Unentspannteres, als in klammen Klamotten in der Hütte sitzen. Und kaum Gemütlicheres, als nach einem Wandertag in Kuschelkleidung zu steigen. Das kann auch das Wechselshirt sein oder die Schlafleggings sein, die du auch unter die Wanderhose ziehen kannst, wenn es tagsüber kalt wird. 
  • Zahnputzzeug, deine persönlichen Kosmetika (alles in klein, klein!) und Medikamente, ein kleines Handtuch, Hüttenschlappen (zum Beispiel Hotelschlappen oder andere leichte Schlupf-Schuhe), der Hüttenschlafsack (wegen Corona ist diesen Sommer ein leichter Daunenschlafsack erforderlich! Es gibt keine Decken und Kopfkissen in den Hütten!), eine (Stirn-)Lampe, Sonnencreme, ein kleiner Müllbeutel, Sonnenbrille, ein Biwaksack, eine dünne Mütze und – je nach Länge der Tour – ein mehr oder weniger kleines Erste-Hilfe-Set gehören zur Hüttentour-Grundausstattung. 
  • Und natürlich eine Wasserflasche oder Trinkblase und Snacks für schwache Momente. 
  • Ganz wichtig sind auch noch: Ohrenstöpsel, Wundsalbe, eventuell Blasenpflaster und genügend Bargeld. Nicht alle Hütten nehmen Karte.
  • Selbstverständlich gehst du nicht ohne perfekt eingelaufenen, zum Gelände passenden Bergschuhen los. Und auch Wanderstöcke sind in sehr vielen Situationen hilfreiche Helfer.

Beim Losgehen sieht es immer so aus, als würden die wenigen gepackten Dinge nie im Leben für die geplante Woche reichen, aber keine Sorge: Es wird klappen. Und dein Körper wird extrem dankbar sein, dass du ihm nicht unnötiges Gewicht in Form von zu vielen Shirts und Socken auflastest.

Bedenke beim Packen außerdem, dass du mindestens ein Kilo Wasser mitnimmst (im Sommer besser mehr, vor allem wenn es unterwegs kein Trinkwasser gibt). 

Die Community empfiehlt außerdem:

  • Eine Sitzunterlage für Pausen
  • Traubenzucker im Erste Hilfe Set
  • Ein Taschenmesser
  • Ersatz-Schnürsenkel, auch als Wäscheleine nutzbar
  • Kabelbinder für kleine Reparaturen
  • Packsäcke für Überblick und gegen Feuchtigkeit von außen
  • Magnesium Sticks gegen Muskelkrämpfe
  • Wäscheklammern zur Befestigung von nasser Kleidung am Rucksack, an der Schnürsenkel-Wäscheleine, zum Wiederverschließen von Snacks, zum Aufsammeln von fremdem Müll
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Frage 4: Bin ich überhaupt der Typ für sowas?

Ohne eine große Portion Bergleidenschaft und Stressresistenz (siehe Schnarcher im Lager) hast du vermutlich keinen großen Spaß beim Hüttenwandern. Wer dazu neigt, sich schnell über andere Menschen aufzuregen und eher ein unentspanntes Naturell ist, sollte es erst mit einer Nacht in einem Mehrbettzimmer versuchen. Wenn das klappt, kann ein Aufenthalt in einem größeren Lager folgen. Und dann vielleicht zwei Nächte, dann drei, dann sieben. Spätestens jetzt hat dich der Hüttenwandervirus sowieso gepackt und du kannst nie wieder aufhören, die nächste Mehrtagestour zu planen.

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Die liebsten Hüttentouren der MMG Community

Tipps zur Planung von Mehrtagestouren und Vorbereitung auf die Tour geben auch die Bergfreundinnen im Podcast-Schwerpunkt Alpenüberquerung. Hier kannst du die Podcastfolgen hören und ihnen Ende Juli 2021 auf ihrer Tour folgen.  

Foto Credits: Daniel Hug, Karina Lange

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