Die Watzmann-Überschreitung

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Constanze (27), Lehrerin, ist quasi im Karwendel großgeworden und am liebsten auf (Kletter-)Steigen oder mit dem Mountainbike unterwegs.

 

Körperliche Fitness, Erfahrung am Fels und angstfreie Trittsicherheit auch in großen Höhen sind Voraussetzung. Dann ist die Tour wunderbar.

Munich Mountain Girl Constanze hat vor kurzem die Watzmann Überschreitung gemacht und ihre Erfahrungen hier festgehalten.

Von Frauen für Frauen ist ein authentischer Tourenbericht einer leidenschaftlichen Bergsteigerin entstanden. Damit du für dich beurteilen kannst, ob die Tour etwas für dich ist, oder eben eher nicht.

Der Watzmann – eine Legende von einem Berg, um den sich viele Mythen ranken, ganz besonders natürlich die vom versteinerten König Watzmann mit Frau und Kinder.

Berühmt-berüchtigt für seine Ostwand, von weiter Ferne erkennbar am markanten Gipfelaufbau, prominent gelegen im Nationalpark Berchtesgaden zwischen Königssee und Hochkalter-Massiv – der Watzmann ist ein Berg der Superlative!

Die Watzmann-Überschreitung gilt weithin als schönste Gratüberschreitung der Ostalpen, ist aber auch eine echte Herausforderung.

Alle diese Faktoren waren der Grund dafür, warum ich und zwei Freunde die Tour schon seit Jahren ganz oben auf unserer Liste hatten.

Vorbereitung und Planung

Die größte Herausforderung war für uns die Findung eines geeigneten Termins.

Die Überschreitung sollte wegen der Ausgesetztheit des Grates uns des absoluten Mangels an Schutzmöglichkeiten (auch im Abstieg) nur bei besten Wetterverhältnissen unternommen werden.

Außerdem sollte am Wochenende wegen der Beliebtheit der Tour ein Übernachtungs-Platz auf dem Watzmannhaus vorreserviert werden.

Letzten Endes hat es aber nun endlich geklappt und die Wettervorhersage war vielversprechend – manchmal hat man auch einfach Glück!

Da wir uns durch regelmäßiges Bouldern, Krafttraining und Ausdauersport fit genug für die Tour fühlten, haben wir uns dahingehend auch nicht gesondert vorbereitet.

Man sollte die Tour aber auf keinen Fall unterschätzen! Insgesamt sind knapp 2.100 hm im Abstieg und über 23 km zu bewältigen.

Und nach der Überschreitung des Grades sind die Anstrengungen keinesfalls vorüber, denn es wartet ein langer, zehrender und anstrengender Abstieg.

Ansonsten haben wir uns über den Zustand der Wegstrecke, Schwierigkeit der Route über den Grat und alle weiteren Details ausreichend informiert (Links siehe unten). So wussten wir genau, was auf uns zukommt und wo die Schlüsselstellen warteten.

Die Tour haben wir als Zweitagestour mit Übernachtung auf dem Watzmannhaus unternommen.

Alternativ kann die Überschreitung aber auch mit Übernachtung in der Biwakschachtel auf dem Hocheck angegangen werden oder – für die ganz Fitten – auch als Eintagestour.

Ich wollte für die Gratüberschreitung und den anspruchsvollen ersten Teil des Abstieg bei bestmöglicher konditioneller Verfassung sein und mir dafür meine Kräfte aufsparen.

Ausrüstung und Tipps

Als Ausrüstung hatten wir, abgesehen von den Utensilien für die Hüttenübernachtung, die klassische Ausrüstung für anspruchsvolle Bergtouren dabei:

  • eine robuste Funktionshose und Funktions-Shirt
  • Fleecejacke und Regenjacke
  • Buff
  • festes Schuhwerk
  • Erste-Hilfe-Set
  • Teleskopstöcke

Zusätzlich haben wir mitgenommen:

  • Klettersteigausrüstung mit Steinschlaghelm, Klettergurt, Klettersteigset mit Bandschlinge und Klettersteighandschuhe.

Aufgrund des brüchigen Gesteins und der Beliebtheit der Tour besonders am Wochenende ist der Steinschlaghelm unerlässlich.

Die Handschuhe empfand ich nach mehreren Stunden mit wiederkehrenden Griffen ans Seil als große Wohltat an den Händen.

Klettergurt und Klettersteigset braucht es im Nachhinein betrachtet nicht unbedingt – der Grat ist schätzungsweise nur zu einem Drittel drahtseilversichert und an den meisten Stellen erschien uns das Einhängen am Seil nicht erforderlich.

Dafür gab es andere sehr luftige Passagen, an denen kein Seil vorhanden war und man ganz auf sich gestellt war. Ob Klettergurt und Klettersteigset mitgenommen wird, bleibt daher jedem selbst überlassen, ein Muss ist es definitiv nicht!

Was man bei der Watzmann Überschreitung beachten sollte

Kondition

Wie zuvor beschrieben ist der Aufstieg zum Watzmannhaus, die Überschreitung des Grates von Hocheck über Watzmann-Mittelspitze zum Gipfel der Südspitze sowie der Abstieg von der Südspitze über das Wimbachgries zurück zum Parkplatz an der Wimbachbrücke eine unglaublich lange und konditionell sehr anspruchsvolle Tour.

Es gibt bei Gewitter und Wetterumbrüchen keinerlei Schutzmöglichkeit und ab Abstieg von der Südspitze bis zum Ausläufer des Wimbachtales auch absolut keinen Handyempfang.

Man sollte sich deshalb ganz genau im Klaren darüber sein, ob man diese Tour konditionell auch wirklich bewältigen kann.

Sollte man Zweifel hegen, sollte man spätestens bei der Mittelspitze umdrehen und zum Watzmannhaus zurück absteigen (gleiches gilt bei Unwetter).

Konzentration

Die Gratüberschreitung ist technisch nicht besonders schwer (Schwierigkeit A-B bzw. I-II), erfordert aber aufgrund der Ausgesetztheit und der Brüchigkeit des Gesteins durchweg hohe Konzentration.

Die Route ist nur teils seilversichert, es handelt sich n i c h t um einen Klettersteig mit durchgehenden Sicherungsmöglichkeiten.

Die meiste Zeit ist man auf sich alleine gestellt.

Die Tour ist außerdem sehr beliebt und kann bei schönen Tagen am Wochenende schnell sehr überlaufen sein. Wen das stört oder gar nervös macht, der sollte die Tour an einem anderen Wochentag unternehmen.

Für wen ist die Watzmann Überschreitung nicht geeignet?

 

Wer Probleme mit Höhenangst hat, sollte die Tour eher meiden.

Der gesamte Grat ist meist sehr ausgesetzt, teilweise bricht die Wand fast senkrecht über mehrere hundert Meter ab. Die Weite der Aussicht (Königssee 2000 m weiter unten!) kann sehr angsteinflößend wirken.

Die Schlüsselstelle war für mich persönlich eine Passage direkt über den Grat, an welcher dieser nur noch schätzungsweise 30cm breit war und die Wand auf beiden Seiten mehrere hundert Meter steil abfiel.

Wer sich dafür nicht oder nur vielleicht gewachsen fühlt, sollte es lieber bleiben lassen.

Da der Abstieg unglaublich lang und sehr steil ist, würde ich auch Personen mit Problemen in Knien und Gelenken ebenfalls von der Tour abraten. Da tut man sich wirklich keinen Gefallen!

Brauche ich Begleitung?

Eine Begleitung ist nicht unbedingt notwendig – bei Übernachtung auf der Hütte ist die Watzmann Überschreitung mit mehreren Leuten aber lustiger.

Und die Überschreitung des Grates und beim langen Abstieg tut es gut, wenn man sich beim Vorausgehen und Finden der Tritte im Fels abwechseln kann.

Außerdem ist geteiltes Leid halbes Leid - und davon profitiert man vor allem beim langen Marsch zurück aus dem Wimbachgries.

Eindrücke und Gefühle bei einzelnen Etappen

Die erste Etappe: der Anstieg zum Watzmannhaus

Sie führt über einen gut ausgebauten kiesigen Wanderweg und zum Ende über einen felsigen Steig.

Die angegebene Gehzeit auf den Schildern von 4h richtet sich meiner Meinung nach an eher untrainierte Genusswanderer und Touristen. Geübte Bergsteiger schaffen den Anstieg in 2,5-3h. Der Weg ist recht unspektakulär und führt die meiste Zeit durch Wald.

Der Anstieg vom Watzmannhaus auf den ersten Gipfel, das Hocheck

Dieser Anstieg ist dann schon anspruchsvoller. In Serpentinen geht es den felsigen Gipfel hinauf, immer wieder kommen auch kurze einfache Kraxelstellen.

An zwei Stellen geht der Weg nah an der Gratkante vorbei.

Über die Aussicht vom Hocheck kann ich nichts berichten – wir hatten schlechte Wetterbedingungen, waren komplett in der Wolkensuppe und noch dazu starken Windböen ausgesetzt.

Daher haben wir nach Erreichen des Hocheck-Gipfels auch zunächst in der dort gelegenen Biwakschachtel eine Brotzeitpause eingelegt.

Wir mussten überlegen, ob wir die Tour angesichts des schlechten Wetters überhaupt fortsetzen würden oder nicht.

Letzten Ende entschieden wir uns dafür, es bis zur Mittelspitze zumindest zu versuchen.

Sollte sich auch nur einer aus der Gruppe unwohl oder unsicher fühlen, würden wir sofort umkehren.

Wir hatten Glück. Der Wind tobte mit jedem Meter, den wir uns vom Hocheck entfernten weniger. Und als wir die Mittelspitze erreicht hatten, riss der Himmel auf und es eröffnete sich eine atemberaubende Aussicht nach Westen auf den mächtigen Hochkalter und das Wimbachtal.

Gen Osten blieben die Wolken hartnäckig. Den Königssee bekamen wir bis zum Schluss nicht zu sehen. Angesichts der Ausgangsbedingungen war uns das aber egal.

Die Kraxelei auf dem Grat ist nicht schwierig und macht richtig Spaß, allerdings ist wegen der Ausgesetztheit und der bröckeligen Struktur des Gesteins ständige Konzentration angebracht.

Ankommen auf der Südspitze

Nach drei Stunden Gratkletterei auf der Südspitze angekommen merkten wir alle drei, dass das langsame konzentrierte Gehen sehr an die körperliche Substanz geht.

Dennoch war es ein großartiges Gefühl, endlich die Südspitze erreicht zu haben! Mit ihren 2.712m überragt sie die umliegenden Gipfel und bietet eine unglaubliche Aussicht auf Hochkalter, steinernes Meer und die markante, an das Matterhorn erinnernde Schönfeldspitze.

Nach einer ausgiebigen Gipfelbrotzeit inklusive Gipfelschnapps ging es an den 2.400 Höhenmeter langen Abstieg.

Abstieg von der Südspitze

Zu Anfangs gab es wieder viel Kraxelei zu bewältigen. Dann ging der gut markierte Pfad durch ein Geröllfeld, das bei uns noch von einem dicken Schneefeld bedeckt war, das allerdings mit Stöcken problemlos zu queren war.

Anschließend kreuzte die Abstiegsroute immer wieder Geröll, Felspassagen zum Kraxeln, steile und rutschige Sandrinnen und Latschenfelder.

Der Steig ist anspruchsvoll und alles andere als eine Genusstour. Allerdings entschädigten die wilden, zerklüfteten Felsformationen und die großartige Aussicht mehr als ausreichend für die Strapazen des Abstiegs.

Nach einer gefühlten Ewigkeit erreichten wir endlich das Wimbachgries – das Auto und damit der Endpunkt der Tour lag aber noch in weiter Ferne.

Fußweg durch's Wimbachgries über die Wimbachgrieshütte

Nach einer halben Stunde Fußmarsch durch ein unwirkliches, von Schotter bedecktes Flussbett, gelangten wir zur Wimbachgrieshütte. Dort genehmigten wir uns zur Belohnung erst einmal ein angenehm kühles Bier.

Beim Aufbruch ernteten wir die Bewunderung der anderen Gratüberschreiter, die ihre Tour an der Hütte beendeten und erst am nächsten Tag die 8km Fußmarsch zurück durch das Wimbachtal antreten wollten.

Wir aber wollten es gleich hinter uns bringen und auch wenn die Gelenke am Schluss gekracht und die Füße gebrannt haben – wir würden es wieder so machen.

Das Wimbachtal ist landschaftlich sehr schön, der Weg hindurch aber nach einigen Kilometern doch etwas monoton.

Wir riefen uns die ganze Zeit über die Highlights der nun hinter uns liegenden Tour in Erinnerung und konnten es manchmal gar nicht fassen, was wir alles erlebt hatten.

Nach weiteren 90 Minuten am Auto angekommen, warfen wir fast gleichzeitig die Stöcke in den Kofferraum und befreiten die geschundenen Füße von den Bergstiefeln. Wir erfrischten uns kurz im Bach neben dem Parkplatz und machten uns auf die Heimreise.

Wir waren total kaputt, aber auch unglaublich glücklich und stolz über diese Traumtour, die nach so vielen Jahren endlich Wirklichkeit für uns geworden ist.

Fazit Watzmann Überschreitung

Die Watzmannüberschreitung ist eine unglaublich lohnende Tour, die einem immer in Erinnerung bleiben wird.

Ein gewisses Maß an körperlicher Fitness, Erfahrung am Fels und Trittsicherheit auch in großen Höhen sind Voraussetzung. Dann ist die Tour wunderbar.

 

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Constanze Haas

Munich Mountain Girl
Constanze ist in Bad Tölz südlich von München geboren und arbeitet als Lehrerin im Münchner Umland. Seit Kindesbeinen ist sie in den Bergen unterwegs und verbringt dort immer noch so viel Zeit wie möglich, am liebsten auf (Kletter-)Steigen oder unterwegs mit dem Mountainbike im Karwendel.
Constanze auf Instagram:
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